SKG-Forum

 

 

Die Webseite für LeiterInnen von Schulkindergärten
von Marianne Broglie, Diplom-Sozialpädagogin
E-Mail an SKG-ForumHauptseiteWortsuche

 

Zurück

Veröffentlichung

Interview mit Dorothea Beigel
(Veröffentlichung am 01.12.2005 durch 'verlag modernes lernen')

Die Medien zeichnen ein düsteres Bild von den Lernfähigkeiten der Schüler in Deutschland. Ist die Situation wirklich so schlimm?

Unsere Schülerinnen und Schüler sind heute nicht weniger intelligent als früher. Sie verfügen nicht über weniger Lernfähigkeit oder Lernbegierde. Sie haben aber in der heutigen schnelllebigen und technisierten Zeit immer weniger Möglichkeiten, wichtige Grundlagen zum Lernen zu erwerben. Bestimmte Meilensteine der menschlichen Entwicklung, die Voraussetzungen zum Lernen sind, bleiben jedoch unverändert. Hier entsteht eine Diskrepanz!

Die Notwendigkeit, angemessene Voraussetzungen für das Lernen zu unterstützen, wird ebenso vergessen wie die Freude und die Motivation am Lernen zu stärken. Das durch Erfolg und Eigenaktivität entstehende Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Bestreben mehr zu erfahren, bleibt aus – viele der Schüler erleben keine Freude und Selbstbestätigung beim Lernen, Lernen erscheint als „Muss“ mit „leeren Inhalten“. Durch die immer frühzeitigere und vielfältigere technische Ausstattung der Menschen, erwartet man vom Schüler möglichst schnell das zweidimensionale, abstrakte Beherrschen schulischer Inhalte. Schüler sollen auf dem Papier Sachverhalte verstehen, die sie nie mit allen Sinnen, die sie nie handelnd und nie als Notwendigkeit für ihr eigenes Leben erfahren haben!

Welche Folgen hat das Fehlen wichtiger Lernvoraussetzungen?

Die Auswirkungen im sensorisch-motorischen, im kognitiven und im emotional-sozialen Bereich sind deutlich spürbar. Die Anzahl der Schüler mit Wahrnehmungsstörungen, motorischer Unruhe, schlechten Schulabschlüssen, mangelnden zwischenmenschlichen Kontakten und Kommunikation wächst.

Die Gesellschaft fragt nur, wann ein Kind Endergebnisse erlangt, wann es laufen, schreiben, rechnen, Fremdsprachen sprechen kann – sieht aber das Reifen in wichtigen Phasen, das Bewegungslernen in Bauch- und Rückenlage, das Krabbeln, das Babbeln von Silben, erste Versuche des Begreifens und Erfassens als unwesentliche und normale Gegebenheiten der Entwicklung an. So erscheinen auch Spielen und Bewegen als Selbstverständlichkeiten und haben keinen besonderen Stellenwert.

Der möglichst hochwertige Schulabschluss soll zügig und erwachsenenorientiert erreicht werden. Entwicklungsschritte, die vernachlässigt werden, führen jedoch – und das ist in allen Schulformen zunehmend festzustellen – zu Schwierigkeiten im Lernen und Verhalten. Hier muss Schule die Möglichkeit nutzen gemeinsam mit den Eltern, dem Kindergarten und allen mit Kindern Befassten, umzudenken und umzulenken. Viele Schulen tun dies bereits!

Sie sprechen in Ihrem Buch von einem „motorisch desolaten Zustand der Schüler“. Worin macht er sich besonders deutlich?

Der oft bedenkliche motorische Zustand der Kinder und Jugendlichen zeigt sich u. a. in der Zunahme von Übergewicht, Kreislaufbeschwerden, Haltungs- und Bewegungsschwächen, Rückenschmerzen und in einer steigenden Anzahl von Kinderunfällen.

Schüler mit Wahrnehmungsstörungen, mit deutlich nachlassender Konzentrations- und Merkfähigkeit, mit Sprachauffälligkeiten, mit ADS/ADHS, LRS und Dyskalkulie und mit emotional-sozialen Problemen zeigen ebenfalls in hoher Prozentzahl Auffälligkeiten im motorischen Bereich.

Geben Sie ein Beispiel?

Gesunde intelligente Kinder zeigen zunehmend Schwierigkeiten, einfache fein- und grobmotorische Bewegungen auszuführen. So ist es kein Einzelfall mehr, dass ein Grundschulkind Schwierigkeiten hat, einen Lappen auszuwringen. Probleme beim Binden von Schuhen zeigen sich bis in die weiterführenden Schulen. Das Treppengehen mit Nachstellschritt ist in Schulfluren ebenso zu sehen wie die Unfähigkeit, bei Spielen auf einem Bein mehrere Hüpfer hintereinander zu machen. In allen Klassen finden sich Kinder mit Problemen in der Beherrschung der Stifthaltung und Stiftführung. Für Lehrer fast schon eine Alltäglichkeit.

Was ist denn nun der Zusammenhang zwischen Bewegung und Lernen?

Bewegung und Wahrnehmung sind die Grundlagen allen Lernens. Erfahrungen, die mit allen Sinnen gemacht werden, verankern sich deutlich und nachhaltig im Gedächtnis. Der dadurch oft unbewusste Erwerb von Wissen und Fähigkeiten durchzieht das ganze menschliche Leben.

Bewegung unterstützt die Fähigkeit zu Aufmerksamkeit und Konzentration. Sie verbessert das individuelle Wohlbefinden und steigert die Lernmotivation. Bewegung fördert die Hirndurchblutung, aktiviert das Gehirn, unterstützt die Zunahme von Synapsen (Schaltstellen im Gehirn) und vermehrt die Zufuhr von Sauerstoff. Bewegung ist ein wirkungsvolles, kostenloses und nebenwirkungsfreies Mittel, das überall zur Verfügung steht.

Wie kann ein „bewegter Unterricht“ aussehen – angesichts der Stofffülle, die in den Grund- und weiterführenden Schulen durchgenommen werden muss?

Der „bewegte Unterricht,“ in dem Bewegung etwas Selbstverständliches ist, findet in verschiedenen Fächern regelmäßig und täglich statt. Bewegung ersetzt dabei keine Lerninhalte, sondern ergänzt und intensiviert das Lernangebot der einzelnen Unterrichtsfächer. Alters- und situationsangemessen bewegen sich Lehrer und Schüler gemeinsam, meist ohne zusätzliche Materialien, im Klassenzimmer.

Dabei verlassen die Schüler nicht unbedingt ihre Plätze. Meist sind die Angebote kurz und einfach. Der „bewegte“ Unterricht benötigt Regeln und Strukturen, unterstützt Freude und Motivation am Lernen, fördert zwischenmenschliche Beziehungen und ein positives Klassenklima.

Aus Ihrer Erfahrung – sind denn bewegungsunlustige Schüler zum „bewegten Lernen“ zu motivieren?

Na klar!

In Ihrem Buch geht es auch um die Mitarbeit der Eltern. Was können und sollen denn die Eltern in ihrer Erziehung verändern, damit ihre Kinder leichter und besser lernen?

Faktoren, die das Lernen unterstützen, sind u. a. regelmäßiges Trinken (keine zuckerhaltigen Getränke), genügend Schlaf, eine ausgewogene und vitaminreiche Ernährung, feste Essgewohnheiten und angemessene Zeit zum Spielen. Nachvollziehbares Lob, Interesse am Lernen des Kindes und eine angenehme Lernatmosphäre unterstützen die Freude und Motivation des Kindes zum Lernen. Körperkontakt vermittelt Geborgenheit und Sicherheit und wirkt sich positiv auf das Selbstwertgefühl und die Stressreduktion des Kindes aus. Ein guter Eltern-Kind-Dialog, der geprägt ist von Zeit zum Zuhören, Diskutieren und Besprechen, vermittelt wertvolle Erfahrungen, um die eigene Identität zu finden. Singen unterstützt die Lebensfreude, bringt physiologische Prozesse in Gang, die Angst vermindern und dient ebenso der Entspannung wie Lern- und Ruhepausen.

.......................................

Info:
Buchautorin Dorothea Beigel, Jahrgang 1951, ist seit acht Jahren zuständig für die neurophysiologische Diagnostik und Förderung von Schülern in einem Staatlichen Schulamt. Die Sozialpädagogin, Motopädagogin und Lehrerin war 24 Jahre als Klassenlehrerin an Grund- und Sonderschulen tätig. Seit 15 Jahren arbeitet sie auch als Referentin in der Lehrer-, Erzieher- und Therapeutenfortbildung in Deutschland und Österreich. Ihr Schwerpunkt liegt in der pragmatischen Vermittlung und Durchführung präventiver und fördernder Ansätze vorschulischer und schulischer Möglichkeiten.

Siehe auch:
www.verlag-modernes-lernen.de

Zurück