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Veröffentlichung

Pressemitteilung vom 21.06.2005
Nds. Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit

Bundesweit einmaliger Modellversuch zur Frühförderung von Kindern aus stark benachteiligten Familien

HANNOVER. Niedersachsens Sozialministerin Ursula von der Leyen will gemeinsam mit Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), einen bundesweit einmaligen Modellversuch zur Frühförderung von Kindern aus sozial stark benachteiligten Familien initiieren.

"Wir wollen in Deutschland ein besseres Klima für Familien schaffen. Dazu gehört auch, dass wir die Kinder im Blick haben, die schon auf der Welt sind", sagt von der Leyen. In Deutschland gibt es zahlreiche Kinder, die in sozial benachteiligten Familien aufwachsen. Für sie stehen oftmals Armut, Alkohol, Drogen oder Gewalt auf der Tagesordnung. "Aus Studien in den USA wissen wir, dass wir diesen Kindern entscheidend helfen, wenn wir für sie verlässliche Beziehungen herstellen", so die Ministerin. Diese Bezugspersonen müssen nicht unbedingt Mutter oder Vater sein. Es könne unterstützend, wenn Eltern überfordert sind, durchaus eine Erzieherin, Familienhelferin, ein Lehrer oder die Großeltern sein. "Forschungen haben ergeben, dass das kindliche Gehirn am Anfang seines Lebens so etwas wie einen sicheren Hafen braucht. Dann kann das Kind auch bei stürmischer See, nämlich wenn es Konflikte oder Probleme gibt, Halt finden", sagt die Ministerin.

"Es ist entscheidend, ob das Kind gelernt hat, Konflikte zu bewältigen. Wir werden erst auf solche vernachlässigten Kinder oder Jugendlichen aufmerksam, wenn sie in der Schule versagen, aggressiv sind oder kriminell werden. Das ist zu spät, dann können wir mit hohem Aufwand nur noch begrenzt helfen", erklärt Christian Pfeiffer.

Mit dem Modellversuch wollen von der Leyen und Pfeiffer jungen Familien in schwierigsten Verhältnissen, vor allem auch allein erziehenden Müttern mit niedrigem Einkommen und geringer Schulbildung, umfassende Hilfe anbieten. Modellregion wird die Stadt Hannover mit 200 zu fördernden Kindern sein. Erste Perle in einer langen Kette von Hilfsstrukturen sind die Familienhebammen, die schon die Schwangeren besuchen - möglichst schon ab dem vierten Schwangerschaftsmonat. Die Hebamme macht frühzeitig auf Risiken wie Alkoholkonsum und Rauchen während der Schwangerschaft aufmerksam, erkennt weitere Problemsituationen in den Familien und vermittelt Familienhelferinnen, die den Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder helfen.

Die Kinder werden in speziell ausgestalteten Krippen- und Kindergartenprogrammen oder bei Tagesmüttern gezielt bis zum Schuleintritt gefördert. Für die Eltern sind Schulungen und Hilfe bei ihrer eigenen Ausbildung oder Arbeitsplatzsuche vorgesehen. "Solche Projekte haben sich in den USA als sehr erfolgreich erwiesen. Mit ihnen wurde erreicht, dass diese Kinder später weniger krank, arm, drogenabhängig und kriminell wurden als Kinder aus vergleichbaren Familien, die nicht gefördert wurden", so Pfeiffer. Die Mütter profitierten ebenfalls: Sie konnten häufiger in Arbeit vermittelt werden, waren seltener abhängig von staatlicher Unterstützung und hatten weniger Drogen- und Alkoholprobleme.

Sorgfältige Kosten-Nutzen-Analysen belegen, dass diese Frühförderprogramme sich trotz ihrer beachtlichen Kosten bereits während der Laufzeit der Fördermaßnahmen bezahlt gemacht haben. Die nicht geförderten Kinder verursachten höhere Krankheitskosten, ihre Eltern lebten häufiger von Sozialhilfe. Mit wachsendem Lebensalter der Mitglieder beider Gruppen haben sich steigende Kostenunterschiede ergeben: Bereits bis zum Alter von 20 Jahren hat jeder Dollar, der in die Frühförderung geflossen war, vier Dollar an späteren Folgekosten gespart. Bei einem dieser Projekte, dem Perry-Preschool-Programm aus der Kleinstadt Ypsilanti (Michigan, USA) können die Wissenschaftler inzwischen auf 40 Jahre der Kosten-Nutzen-Analyse zurückgreifen. Erst bei diesem Vergleich wird deutlich, dass der Haupteffekt der Frühförderung im Erwachsenenalter zu erwarten ist. Während die Ypsilanti-Kontrollgruppe durch Gefängnisstrafen, Drogentherapien, Krankenhausaufenthalte oder als Sozialhilfebezug hohe Kosten verursachte, dominierten bei den in der Kindheit geförderten 40-Jährigen klar diejenigen, die Arbeit haben, Steuern zahlen, Kinder in die Welt setzen und ihr Leben meistern. Das rechnet sich: Für jeden Dollar, der in den 60er-Jahren in die Frühförderung investiert worden war, hat die Gesellschaft im Laufe der folgenden 34 Jahre 16,6 Dollar zurückerhalten.

In Deutschland gab es bisher nur ansatzweise Versuche, solche Programme zu erproben. "Deshalb haben wir gemeinsam die Initiative ergriffen, in Hannover ein Frühförderungsprojekt für Kinder aus sozial stark benachteiligten Familien ins Leben zu rufen", so von der Leyen und Pfeiffer. "Wir suchen derzeit Stiftungen, die bereit sind, das Projekt über eine lange Zeit finanziell zu begleiten. Die TUI-Stiftung hat bereits zugesagt, die Kosten der Begleitforschung zu übernehmen", so Christian Pfeiffer. Zurzeit wird von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des KFN, des Niedersächsischen Sozialministeriums und der Stadt Hannover ein detaillierter Arbeitsplan für den Praxisteil des Projektes erstellt. Parallel dazu entwickelt das KFN zusammen mit der Universität Hannover das Konzept für die Begleitforschung einschließlich der Kosten-Nutzen-Analyse. Von der Leyen und Pfeiffer sind zuversichtlich, dass zusammen mit anderen Institutionen die Voraussetzungen geschaffen werden können, um das Projekt Anfang 2006 zu starten.

Siehe auch:
www.ms.niedersachsen.de/master.jsp?C=11362762&I=674&L=20

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