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Veröffentlichung

Anlässlich der Spielwarenmesse Nürnberg 2006:

Wie verbringen Kinder ihre Freizeit?

Statement Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer

*

Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie, Ulm

*

Gründer und Leiter des Transferzentrums für Neurowissenschaften und
Lernen, Ulm

Wie verbringen Kinder ihre Freizeit?
Mit Fernsehen, Game Boy und PC. Mit Sport, oft im Verein. Mit Spielen und Spielzeug. Aber wie viel Zeit bleibt wirklich für das klassische Spielen?

Werfen wir einen Blick in deutsche Wohn- und Kinderzimmer: Allein der tägliche Fernsehkonsum liegt im Vorschulalter bereits bei etwa 70 Minuten, im Grundschulalter bei gut 1,5 Stunden und bei den 10- bis 13-Jährigen bei knapp 2 Stunden. Besitzt ein Kind ein eigenes Fernsehgerät, schaut es mehr fern.

Wichtig ist beim Blick auf den Bildschirm: Die Dosis macht´s, weniger ist oft mehr. Das Angebot ist da und es ist vielfältig. Die Frage ist, wie wir dieses Angebot tatsächlich nutzen.

Ein kleiner Exkurs in die Erkenntnisse der Hirnforschung: Mit jeder Erfahrung, jedem Wahrnehmungs-, Denk- und Gefühlsakt gehen flüchtige, wenige Millisekunden dauernde Aktivierungsmuster im Gehirn einher. Deren Verarbeitung verändert langfristig das Gehirn. Und im Gehirn prägt sich besonders gut ein, was über mehrere Sinne hineingelangt. Denn es bleibt eher im Gedächtnis hängen, weil mehr und tiefere Spuren angelegt werden. Je mehr Erfahrungen ein kleines Kind macht, desto mehr und desto deutlichere Spuren bilden sich in dessen Gehirn.

Diese Spuren sind es, die uns langfristig zu dem Individuum machen, das wir sind, mit unserer Sprache, unseren Gewohnheiten, Fähigkeiten, Vorlieben, Einstellungen und Kenntnissen: Wenn die Sonne scheint, wird es warm; Honig ist süß und Vogelkirschen sind giftig; wenn zwei Gegenstände zusammenstoßen, macht das Krach etc. All dies muss ein junges Menschenkind lernen, und dies tut es durch Auseinandersetzung mit der Welt. Im Gehirn bleiben Spuren dieser Auseinandersetzungen, die jedes Kleinkind nicht nur passiv erlebt, sondern aktiv sucht.

Ein Kind braucht die Gelegenheit dazu. Die Gelegenheit, Erfahrungen selbst zu machen, Dinge auseinander zu nehmen und wieder zusammen zu setzen, sich auszutoben, im Spiel mit Gleichaltrigen ganz viel über sich selbst zu lernen.

Dagegen zeigt ein Blick auf das Kontrastprogramm, und das haben wissenschaftliche Studien klar gezeigt:

  1. Wer sich nur passiv berieseln lässt, bewegt sich weniger und verbrennt weniger Energie; und er nimmt mehr Energie auf, weil er sich ungesünder ernährt.
    Randnotiz: Wer sein Übergewicht erst mit 60 bekommt, hat gute Chancen, vor seinem Herzinfarkt auf andere Weise zu versterben. Bei einem übergewichtigen Kind sieht die Lebensperspektive deutlich anders aus.

  2. Wenn Eltern, Lehrer und Erzieher heute bei Kindern das Phänomen zunehmender Aufmerksamkeitsdefizite, Sprach-, Lese- und Schreibstörungen beklagen, dann hat das auch seine Ursachen in der Art und Weise, wie Kinder heute ihre freie Zeit verbringen.

  3. Hinzu kommt: Der Zusammenhang zwischen Bildschirm-Medienkonsum und realer Gewalt ist etwa so groß wie der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs.

Es ist keine schöne Kindheit, wenn sie von Übergewicht, Schulproblemen und aggressivem Verhalten begleitet wird.

Was können wir tun? Es gibt kein Patentrezept, sondern viele Einzelmaßnahmen, die Eltern, Erzieher und die Gemeinschaft treffen können. Im Blick zu behalten, wie unsere Kinder ihre Zeit verbringen, ist eine Maßnahme.

Eines dürfen wir nicht tun: Nichts. Das Körpergewicht der Menschen bestimmt deren Gesundheit in 20 Jahren, der Bildungsgrad einer Gesellschaft ist unmittelbar mit deren wirtschaftlichem Erfolg in 20 Jahren verbunden und der Konsum an virtueller Gewalt bewirkt mit einer Verzögerung von 15 bis 20 Jahren reale Gewalt. Wenn wir jetzt nichts tun, werden wir die negativen Auswirkungen erleben.

Es wird Zeit, dass wir handeln und dafür sorgen, dass unsere Kinder in ihrer Freizeit etwas anderes lernen als Passivität, Aggression und Gewalt. Nämlich Aktivität, soziales Denken, Kreativität und die Fähigkeit, selbst nach Lösungen zu suchen - das sind Verhaltensweisen, die Kinder üben sollten und die sie für die Zukunft stärken. Und diese wichtigen Verhaltensweisen können sie nur in einem besonderen Umfeld lernen: Angstfrei, in positiver Atmosphäre, in einem Klima von Zuwendung und Vertrauen - spielerisch. Und das Vorbild ist wichtig. Die Eltern sollten - im doppelten Sinne - mit-spielen.

Kontakt: Mehr Zeit für Kinder e.V.
Regina Lindhoff
Fellnerstraße 12
60322 Frankfurt
Tel. 069 /15 68 96-17,
Fax 069 /15 68 96-10
E-Mail:regina.lindhoff@mzfk.de

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