SKG-Forum

 

 

Die Webseite für LeiterInnen von Schulkindergärten
von Marianne Broglie, Diplom-Sozialpädagogin
E-Mail an SKG-ForumHauptseiteWortsuche

 

Zurück

Veröffentlichung

Unterschätzt:
Depressionen bei Kindern

Ein Bericht des WDR v. 31.01.2007

Die Forschung zu Kinderdepressionen ist noch recht jung. Vor rund 20 Jahren gingen viele Fachleute davon aus, dass Kinder, die noch in der Entwicklung sind, nicht ernsthaft an einer Depression erkranken können. Bis heute gibt es Meinungen, die "depressive Verstimmung" sei eher eine Folge- und Begleiterscheinung anderer primärer kindlicher Störungen. Doch die wissenschaftliche Forschung, besonders die der letzten zehn Jahre, kommt zu anderen Ergebnissen.

In dem Buch "Depressionen im Kindes- und Jugendalter" stellen Christiane Nevermann und Hannelore Reicher neuere Studien vor und schreiben: "An leichteren, aber länger andauernden depressiven Verstimmungszuständen leiden (...) etwa 0,6 % bis 2 % der jüngeren Schulkinder (ca. 5-8 Jahre) und 8 % bis 10 % der älteren Schulkinder und Jugendlichen."

Von einer bedeutsamen depressiven Störung, die klinisch behandelt werden muss, kann bei 1 Prozent der Kinder im Vorschulalter gesprochen werden, im Schulalter ist von 2 bis 3 Prozent und im Jugendalter von 4 bis 8 Prozent auszugehen. Der Anteil depressionsgefährdeter Kinder und Jugendlicher an der Gesamtheit wird auf Basis verschiedener Studien mit 30 Prozent angegeben! Mit zunehmendem Alter steigt vor allem die mit Depressionen einhergehende Suizidgefährdung bei Jugendlichen dramatisch an. Selbstmord ist nach Unfällen die zweithäufigste Todesart dieser Altersgruppe.

Tauchen bei Jungen und Mädchen im Kindes- und Grundschulalter noch keine gravierenden Unterschiede auf, so ändert sich das mit der Pubertät. Mädchen sind dann doppelt so häufig von depressiven Störungen betroffen wie Jungen. Auch die Reaktionen von Jungen und Mädchen auf eine Depression können unterschiedlich sein. Jungen reagieren häufiger mit einem aggressiven und zerstörerischen Verhalten. Die Mädchen ziehen sich eher stark zurück und werden immer stiller.

Wenn auch die tiefer liegenden Ursachen von Kinderdepressionen noch nicht so gründlich erforscht und die Experten sich nicht immer einig sind, so bleibt unbestritten, dass die Zunahme dieser Störung bei Kindern alarmierend ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat schon 1997 anlässlich einer allgemeinen Studie die Depression als die "Volkskrankheit Nummer 1" bezeichnet.

Wie werden diese Kinder wahrgenommen?

Wie lässt sich eine Depression bei Kindern beschreiben, wie werden diese Kinder wahrgenommen? Ulrich Rabenschlag schreibt in seinem Buch "Wenn Kinder nicht mehr froh sein können":

"Depressive Kinder sind so anders als traurige Kinder. Einige spüren nicht einmal ihre Trauer, sie scheinen eher innerlich leer zu sein. Sie wirken, als hätten sich in ihnen Ängste, Schuldgefühle, hohe Kränkbarkeit, Wut und Ärger zu einem Knäuel von Gefühlen verwickelt. Depressive Kinder rufen in uns das unangenehme Gefühl der Hoffnungslosigkeit hervor. Sie bringen uns dazu, immer wieder Fragen zu stellen, auf die wir keine Antworten erhalten. Wir fühlen uns schuldig und tun alles, diese Schuldgefühle loszuwerden. Die Depression ist wie eine ansteckende Krankheit. Sie breitet sich auf den Geist, das Gemüt und den ganzen Körper aus. Sie steckt alle an, die näher mit einem Depressiven zu tun haben. Deswegen ist es so wichtig für Eltern, zu verstehen, wann sie selbst gefährdet sind und wann sie mit ihrer eigenen Depressivität ihr Kind in Mitleidenschaft ziehen können."

Es gibt eine Reihe von Symptomen, die Fachleute ebenso wie Eltern und Erzieher bei Kindern beobachten können. Jede Verhaltensweise ist für sich betrachtet ganz sicherlich noch kein Anzeichen für eine depressive Gefährdung des Kindes. Sollten aber mehrere der folgenden Beschreibungen konstant über einen längeren Zeitraum (man spricht in der Regel von sechs Monaten) auf das Verhalten eines Kindes zutreffen, dann muss von einer depressiven Störung ausgegangen werden. Das kann letztlich aber nur ein Facharzt klären.

Beispiele für solche Symptome:

Ein Kind wirkt bedrückt und gereizt, ist ohne Interesse und Freude. Es weint häufig ohne ersichtlichen Grund. Das Kind spielt nicht, traut sich nichts zu, kann sich nicht konzentrieren. Es fühlt sich ständig schuldig und wertlos, leidet unter permanenter Angst, beschäftigt sich übermäßig mit dem Tod. Vor allem bei Jugendlichen kommen häufig Selbstmordgedanken hinzu. Im Gegensatz zu den betroffenen Erwachsenen stehen bei Kindern oftmals körperliche Beschwerden im Vordergrund: Essstörungen, Tagesmüdigkeit, Erschöpfung. Bei kleineren Kindern sind es häufig unspezifische Bauchschmerzen, bei den älteren Kopfschmerzen.

Dabei ist wichtig zu wissen, dass es die "reine" kindliche Depression in der Praxis selten gibt. Am häufigsten treten gleichzeitig Angst- und Essstörungen auf, auch Hyperaktivität, Störung des Sozialverhaltens sowie Drogenabhängigkeit im Jugendalter sind Anzeichen. Im Zusammenhang mit Angststörungen kleiner Kinder spricht man auch von der so genannten "Trennungsangst", bei Grundschulkindern von "Schulphobie". Bei depressiven Kindern im Grundschulalter liegt auch manchmal eine "Zwangsstörung" vor, die mit der Depression einhergeht. Was dann im Einzelnen die Ursache und was die Folgewirkung ist, kann nur durch eine genauere Diagnose und im Verlauf einer Behandlung herausgefunden werden.

Zurück